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15.07.2013

„Farbe bekennen!“

Welche Chancen haben Jugendliche, deren bisheriges Leben nicht vorteilhaft gelaufen ist und die mit ALG II klarkommen müssen? Meistens keine! Zerrüttete Familien und ein schwieriges soziales Umfeld sind oft der Ausgangspunkt. Daran kann nachträglich nichts geändert werden. Aus der Perspektivenlosigkeit kann es aber auch Auswege geben. In Kehl am Rhein gibt es einen Verein, der es Jugendlichen ermöglicht, im Berufsleben Fuß zu fassen - Riverside Kustomz e. V.

Zwei, die wissen, was es bedeutet, sich eine neue Chance im Leben zu erarbeiten, sind Edgar (20) und Benni (22). Beide sind bei Riverside Kustomz e. V. im Projekt „Farbe bekennen“ untergekommen. Insgesamt sind es 5 Jugendliche, die im Rahmen dieses Projektes eine Lehre zum Fahrzeuglackierer machen. Oliver Wagner (Bild oben) ist ihr zuständiger Lackiermeister. Mit seinem vorherigen Job - in einem großen Industriebetrieb - war er eigentlich ganz zufrieden. Auch dort war er Meister für Azubis. Aber er wollte irgendwie raus, raus aus der Tretmühle, wie er es heute nennt. Mit seiner Erfahrung noch mal ganz was anderes machen. „Mit Jugendlichen konnte ich schon immer. Als ich von dem Projekt gehört habe, war ich sofort interessiert. Hier gilt es, den Jugendlichen von Grund auf zu helfen. Es geht darum, ihnen klassische Werte wie Pünktlichkeit, Respekt, Toleranz und Offenheit zu vermitteln und vorzuleben. Nur so können sie es lernen. Es ist nicht leicht, den jungen Menschen die Werte näherzubringen, die sie im Leben später benötigen. Spannungen und Stress bleiben da nicht immer außen vor. Wenn sich aber die Jungs und Mädels am Arbeitsmarkt behaupten, ist das Belohnung genug! Dann haben wir es gemeinsam mit ihnen geschafft.“ 

„Bei meiner Arbeit und der Ausbildung setze ich auf Lackierpistolen von SATA. Mit denen habe ich selbst schon in meiner Lehre gearbeitet. Meine Jungs kommen mit den Pistolen sehr gut zurecht. Wenn es darum geht, das ganze Leben neu zu lernen, sollte man sich wenigstens auf das Werkzeug verlassen können“, sagt der Ausbildungsprofi. 

Benni wird der erste sein, der den Schritt in die freie Wirtschaft macht. Der 22-Jährige ist im 3. Lehrjahr und bereitet sich auf seine Abschlussprüfung im Sommer vor. Seine Fähigkeiten rund um die Fahrzeugrestauration hat er durch das Arbeiten an Oldtimern von Grund auf gelernt. Das frühzeitige praktische Heranführen an das Lackieren trägt Früchte. Aber an der Theorie hat er zu knabbern. 

Deshalb gibt es bei Riverside jemand, der sich um die theoretischen Inhalte kümmert: Birgit Kehrer. Die gelernte Mathematik- und Deutschlehrerin hilft den Jugendlichen sich auf den theoretischen Teil der Prüfung vorzubereiten. „Das Arbeiten bei Riverside ist für mich die perfekte Ergänzung zu meinem Job als Berufsschullehrerin. In der Projektarbeit bin ich nicht so statisch festgelegt wie mit dem durchorganisierten Lehrplan an der Berufsschule. Hier kann ich sehr individuell auf jeden einzelnen Jugendlichen eingehen und sehe auch direkt den Erfolg beim Lernen. Ich glaube, wenn ich heute noch einmal studieren würde, wäre es Sozialpädagogik und nicht mehr auf Lehramt“, sagt sie rückblickend.

Das Geld für den gemeinnützigen Verein, Bildungsträger und Ausbildungsbetrieb in Kehl kommt von der kommunalen Arbeitsförderung, dem Europäischen Sozialfonds und von Ausbildungspaten. Auf die Letztgenannten sind die Macher von Riverside besonders angewiesen. „Der Verein muss sich tragen. Daher freuen wir uns über jeden, der uns finanziell unterstützt. Dies sind z. B. Betriebe, die selbst nicht ausbilden können oder nicht in dem Maße, wie sie es gerne wollen. Aber auch Privatleute spenden“, sagt Oliver Wagner, „und nur so werden wir auf Dauer arbeiten und uns um gestrandete Jugendliche kümmern können.“ 

Mehr über Riverside Kustomz e. V. und die Projekte „Farbe bekennen“ und „Zurück in die Zukunft“ erfahren Sie unter: www.riverside-kustomz.de